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Stimmzungenventile: Wenn die Konzertina grunzt oder schnarrt - Tanglo - 22.12.2013

Nach endlosen Experimenten mit Stimmzungenventilen möchte ich die wichtigsten Ergebnisse hier kundtun, falls jemand mal die Konzertina reparieren will. Bei hochwertigen Instumenten empfehle ich aber lieber, eine gute Konzertina-Werstatt aufzusuchen.

Stimmzungenventile sind ein sehr heikler Bestandteil unserer Instrumente. Unsauberer Ton besonders beim Balgrichtungswechsel, schlechte Ansprache und hoher Luftverbrauch haben die Ursache häufig bei den Stimmzungenventilen. Deswegen: Seid vorsichtig mit den Stimmzungenventilen. Die sind sogar noch empfindlicher als die Stimmzungen selbst.

Zweck der Stimmzungenventile:
Ganz egal, ob die Konzertina gleichtönig oder wechseltönig ist, gibt es zu jedem Knopf immer mindestens zwei Stimmzungen, da die Stimmzungen immer nur in einer Luft-Stömungsrichtung einen Ton von sich geben. Um den Luftverbrauch zu verringern, muss die jeweils nicht aktive Stimmzunge durch ein Ventil verschlossen werden. Die Ventile verringern aber nicht nur den Luftverbrauch, ventilierte Stimmzungen sprechen beim Balgwechsel wesentlich schneller an (im direkten Vergleich getestet).

Anforderungen an das ideale Stimmzungenventil:
Das Ventil muss schnell und dicht schließen, und dann vollkommen eben auf der Stimmplatte aufliegen. Sonst gibt es Nebengeräusche beim Balgwechsel. Für eine gute Ansprache beim leisen Spiel muss sich das Ventil leicht öffnen. Öffnet es sich zu schwer, erhöht sich auch der Luftverbrauch, da die meiste Luft durch andere Undichtigkeiten verlorengeht. Günstig ist eine rauhe Oberfläche. Das vermindert ebenfalls Nebengeräusche.

Echte, als Ersatzteil erhältliche Stimmzungenventile sind auf jeden Fall die beste Lösung. Moderne Stimmzungenventile sind ein hochtechnisches Produkt. Mehrlagige Ventilfolien sind perfekt aufeinander und auf die zu ventilierende Stimmzunge abgestimmt. Sie haben auch eine besondere Oberflächenstruktur. Für tiefe Töne werden die Folien mit einem besonderen Kunstleder kombiniert. Ein Glücksfall also, wenn man für die Konzertina passende Ersatzventile bekommt. Und hier liegt das Problem: Stimmzungenventile sind privat nicht leicht zu bekommen. Die erhältlichen Sortimente sind meistens auf Akkordeons abgestimmt. Die Größen passen dann nicht für die Konzertina. Sobald man anfängt, an den mehrlagigen Folien herumzuschnippeln, gehen die optimalen Eigenschaften verloren. Außerdem sind die Sortimente nicht ganz billig.

Die wichtigsten getesteten Alternativen:

Leder:
Normales Bekleidungsleder ist ungeeignet. Hier fehlt weitgehend die Federwirkung. Das Ventil schließt erst nach dem Einsetzen des Luftstroms. Dann ist es zu spät. Echte Lederventile haben ein Geheimnis, das ich bis heute nicht ergründen konnte. Hier hat das Leder eine markante Federwirkung.

Folie:
Als federnde Folie kommt z.B. Overhead-Projektorfolie in Betracht. Diese hat eine deutliche Federwirkung. Die Oberfläche ist aber zu glatt. Das erzeugt Schnarr-Geräusche.

Gummi:
Gummi von Fahrradschläuchen ist nicht eben genug. Ein Fahrradschlauch ist nun mal rund. Allerdings gibt es ähnliches Material für industrielle Zwecke auch völlig eben. Gummi ist aber zu schwer. Trotz guter Federwirkung steht das Gummi-Ventil je nach Lage der Konzertina ab. Außerdem ist auch hier die Oberfläche zu glatt.

Geschlossenporiger Schaumgummi:
Ebenfalls für industrielle Zwecke gibt es hochwertige geschlossenporige dünne Schaumgummi-Matten. Diese sind leichter als Gummi und haben auch eine gute Federwirkung. Außerdem ist die Oberfläche rauh. Warum damit die Konzertina beim Balgwechsel Nebengeräusche macht, ist mir ehrlich gesagt nicht ganz klar, da eigentlich alle Anforderungen passen.

Leder kombiniert mit einer Stahlfeder:
Um dem Leder die gewünschte Federwirkung zu verleihen, wird auf dem Lederventil eine hauchdünne Stahlfeder angebracht. Dies wurde tatsächlich sogar eine Zeit lang im Akkordeonbau so gemacht, als es die Kunststoff-Ventile noch nicht gab. Auch heute noch werden damit Lederventile aufgebessert. Die verwendeten Federbleche sind wirklich sehr dünn: 0,02mm bis maximal 0,05mm. Das Problem hier ist das Zuschneiden der Bleche. Nach dem Schneiden ist das Blech immer krumm. Ein Geraderichten solcher dünnen Federstahlbleche ist ein aussichtsloses Unterfangen. Selbst beim Schneiden der Bleche mit einem Laser ließ sich die Krümmung nicht ganz vermeiden. Die Folge: Das Ventil liegt nicht richtig an.

Die beste Eigenbau-Lösung:
Dünnes Leder mit Overheadprojektor-Folie bekleben. Dabei eine möglichst dünne Folie verwenden. Meist sind die bedruckbaren Folien dünner als die für Folienstifte vorgesehenen Folien. Die Folien zuerst in der vorgesehenen Ventilgröße zuschneiden und dann einzeln auf das Leder aufkleben. Beim Aufkleben darauf achten, dass das Leder nicht verzogen ist. Die Klebung eben pressen. Nach einer Wartezeit das Leder entsprechend der Größe der aufgeklebten Folienstreifen ausschneiden. Bei den tiefen Tönen das Stimmzungenventil auch noch ein kleines Stück entlang dem Stimmzungenschlitz ankleben. Das wurde auch bei den alten Lederventilen so gemacht. Leider sind die Projektorfolien wegen der Beamer auch bald am aussterben.

Mein repariertes 104-töniges Kleinbandonion funktioniert damit wieder mit verringertem Luftverbrauch, ohne Nebengeräusche und guter Ansprache. Ob das auch für die kleineren Stimmzungen in den sechseckigen Konzertinas gut funktioniert, habe ich noch nicht getestet.


RE: Stimmzungenventile: Wenn die Konzertina grunzt oder schnarrt - Tanglo - 24.12.2013

Nachtrag:

Für meine selbstgebaute Anglo-Konzertina konnte ich passende echte Kunststoff-Ventile bekommen. Diese habe ich gestern eingebaut. Das Ergebnis ist aber enttäuschend. Es klingt jetzt so, als sei eine große Stubenfliege in der Konzertina eingesperrt, die immer wieder mal mit den Flügeln an der Gehäusewand schnarrt. Die Ansprache ist allerdings sehr leichtgängig und der Luftverbrauch sehr gering. Vielleicht probiere ich aber doch noch die oben beschriebene Lösung auch bei der Anglo.


RE: Stimmzungenventile: Wenn die Konzertina grunzt oder schnarrt - Wusel - 26.12.2013

Wow! Ein Mensch mit Zeit, Geduld, Muse und großer Experimentierfreude! Ich bin beeindruckt.

Hallo Tanglo,

ich hoffe zwar nicht, dass es jemals von Nöten sein wird, dass ich bei meiner Anglo an den Ventilen herumdoktern muss, aber ich habe noch eine alte defekte Scholer im Schrank herumkullern (nein, sie ist nicht rund Wink ). Sollte ich jemals den Elan finden, sie wieder zum Leben zu erwecken, werden es Deine Ausführungen sein, die ich mir zu Gemüte führen werde, denn Ventile hat sie keine mehr bzw. sie führen ein loses Leben im Innenraum.

Vielen Dank, für Deinen ausführlichen Bericht, dass Du uns an Deinen zahlreichen Erfahrungen teilhaben läßt. Ich bin sicher, der ein oder andere "do it yourself-Mutige" wird dies zu schätzen und zu nutzen wissen.

Viele Grüße,
Wusel


RE: Stimmzungenventile: Wenn die Konzertina grunzt oder schnarrt - Christian - 15.02.2014

Hallo Tanglo,
ich bin ganz überrascht von der beiläufigen Bemerkung über eine "selbstgebaute" Anglo. Ich versuche mich schon länger an einer Deutschen Konzertina. Balg und Gehäuse sind fertig. Mechanik und Stimmplattenanordnung liegen noch völlig im Argen. An handwerklichem Austausch wäre interessiert
Christian aus Bremen


RE: Stimmzungenventile: Wenn die Konzertina grunzt oder schnarrt - Tanglo - 17.02.2014

Hallo Christian,

Bin erstaunt, dass noch jemand den Selbstbau versucht. Finde ich toll. Wenn Balg und Gehäuse schon fertig sind, ist ja schon mal eine gute Basis. Allerdings auch etwas gewagt. Hoffentlich passt dann die Mechanik auch hinein. Sicherheitshalber hatte ich deswegen mit der Mechanik begonnen. Bei der 20-Knöpfigen Deutschen Konzertina muss aber zum Glück nicht ganz so viel Mechanik untergebracht werden, wie bei der Anglo.
Wenn Fragen aufkommen, kann ich gerne Tipps geben. Inzwischen würde ich vieles anders machen, da sich meine Konstruktion als endlos aufwändig herausgestellt hatte.

Zum Thema Stimmzungenventile:
Inzwischen habe ich die teuer eingekauften Stimmzungenventile aus meiner Anglo wieder herausgerissen und durch die mit Overheadprojektor-Folien beklebten Lederstreifen ersetzt. Die Konzertina klingt jetzt wieder schöner. Allerdings sprechen die Töne nicht mehr ganz so leicht an, wie mit den Kunststoffventilen. Einzelne Töne haben auch noch ein unschönes Vibrieren, wahrscheinlich eine Resonanz des Ventils mit der Stimmzunge. Nach einer gewissen Einspielzeit werden ich bei den betroffenen Tönen die Ventile um Zehntel Millimeter kürzen, in der Hoffnung, dass die Resonanz dann wegfällt.
Bisheriges Ergebnis: Die oben beschriebene Lösung mit dem folienbeklebten Leder ist bei den kleinen sechseckigen Konzertinas etwas tückischer. Vermutlich, weil die Stimmzungen kleiner sind, und auch die Stimmplattten dünner sind, als bei einem Bandoneon. Im Bandoneon funktionieren die Ventile jedenfalls immer noch wunderbar.


RE: Stimmzungenventile: Wenn die Konzertina grunzt oder schnarrt - RAc - 03.03.2014

Hallo,

ich kann Allen, die sich am Selbstbau/Reparatur wagen, die folgenden Quellen nur wärmstens empfehlen:

1.

http://www.concertina.net/forums/index.php?showforum=7

Hier sind sehr hilfsbereite und offene Leute aktiv, die sich z.T. schon seit Jahrzehnten mit Cincertinas technisch auseinandersetzen, z.B. Chris Ghent, Theo Gibb (http://www.theboxplace.co.uk/) oder Dave Elliott, Autor des Concertina maintenance manuals. Hier ist z.B. ein recht interessanter Beitrag über Ventile:

http://www.concertina.net/forums/index.php?showtopic=14545#entry138789

Mir hat das Forum eine Menge Sackgassen erspart und viele Inspirationen gebracht.

2.

http://hmi.homewood.net/twitterzephyr/

Das absolute Muss (Christian weiß warum ;-))


RE: Stimmzungenventile: Wenn die Konzertina grunzt oder schnarrt - Tanglo - 03.03.2014

Hallo RAc,

Danke für die Linksammlung. Das Forum "Instrument Construction & Repair" unter concertina.net kannte ich noch nicht. Die Fotoserie zum Bau einer Konzertina von Bob Tedrow ist wirklich klasse. Die habe ich damals erst entdeckt, als ich schon fast fertig war. Allerdings muss man solche Anleitungen auch immer an die eigenen Möglichkeiten anpassen. Man kann sich ja schlecht die identische Sammlung an Maschinen und Werkzeugen zulegen. Als Orientierung und Quelle für Ideen ist die Fotoserie aber sehr wertvoll. Die meiste Zeit hatte ich lediglich Bilder von Konzertinas als Vorlage, und hatte auch nie eine andere Konzertina in der Hand. Deshalb habe ich wohl vieles ziemlich unkonventionell realisiert.


RE: Stimmzungenventile: Wenn die Konzertina grunzt oder schnarrt - Tanglo - 25.10.2014

Neue Erkenntnisse zu den Stimmzungenventilen:

Das mit Projektorfolie beklebte Leder (wie oben beschrieben) dürfte auch bei den kleinen sechseckigen Konzertinas funktionieren. Da sollte die Projektorfolie aber möglichst dünn sein, damit die leichte Ansprache nicht leidet.

Bei meiner Konzertina habe ich mit dieser Lösung jedoch nach wie vor die unerwünschten Geräusche beim Balgwechsel. Nach vielen weiteren Versuchen bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass das Problem bei den Stimmplatten liegt. Diese sind in meiner Konzertina zu dünn, und wohl nicht für das direkte Anbringen der Stimmzungenventile geeignet. Der Abstand zwischen Stimmzunge und Ventil ist einfach zu gering. Einzige Abhilfe wäre das Anbringen der Ventile an der Holzplatte, welche die Stimmplatten trägt. Das ist wohl auch in den meisten traditionellen Konzertinas so realisiert. Dazu müsste ich meine Konzertina aber grundlegend umbauen. Lediglich Konzertinas mit Akkordeonstimmplatten sind direkt auf den Stimmplatten ventiliert. Aber Akkordeonstimmplatten sind relativ dick, so dass der Abstand zwischen Stimmzunge und Ventil groß genug ist.